Aufklärung ja – aber auch genug?

Dieser Text ist in DIALOG – Deutsch-Polnisches Magazin Nr. 126 erschienen.

Im Jahr 2010 wurde erstmals offenkundig, dass auch die katholische Kirche in Deutschland ein Problem mit Klerikern hat, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben. Über das Ausmaß herrschte lange jedoch Unklarheit. Im September 2018 wurde eine Studie vorgestellt, die Licht ins Dunkel bringen sollte. Sie verdeutlicht: Auf dem Weg zur selbstkritischen Aufklärung steht die Kirche noch ganz am Anfang.

Ins Rollen kam der Stein Anfang 2010. Drei ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs, eines Jesuiten-Gymnasiums in Berlin, wandten sich an Pater Klaus Mertes, den Rektor des Kollegs. Sie erklärten ihm, dass sie und viele weitere Mitschüler in den 1970er- und 1980er-Jahren systematisch von Mitgliedern des Ordens missbraucht wurden. Pater Mertes reagierte, wie kein anderes Mitglied der katholischen Kirche in Deutschland zuvor auf derartige Vorwürfe reagiert hatte: Er schrieb einen Brief an etwa 600 ehemalige Schüler und ermutigte sie darin, sich zu melden, sofern sie auch von dem Missbrauch betroffen waren. In den folgenden Wochen und Monaten meldeten sich Hunderte weitere Betroffene, nicht nur vom Canisius-Kolleg, sondern auch von anderen kirchlichen und auch weltlichen Einrichtungen. Einer der drei Schüler, die die Lawine mir ihrem Appell an Pater Mertes lostraten, war Matthias Katsch. Der heute 55-Jährige gründete anschließend zusammen mit weiteren ehemaligen Mitschülern die Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“, die seither eine Anlaufstelle für Opfer sexualisierter Gewalt an Jesuiten-Einrichtungen in Deutschland ist und weitreichende Entschädigungen und vor allem Entschuldigungen sowie Aufklärung vonseiten der Kirche fordert. Damit tun sich die Vertreter der Kirche nämlich noch immer schwer: Die Auseinandersetzung mit der (teilweise noch sehr jungen) Vergangenheit läuft in Form und Duktus auf einer sehr akademischen Ebene ab. Echte Empathie und Schuldbewusstsein, auch der unbedingte Willen zur Aufklärung fehlen, so die Klagen der Opfer.

Studie dokumentiert das Ausmaß

Die Deutsche Bischofskonferenz hat darauf schließlich reagiert, indem sie eine Studie in Auftrag gegeben und – laut der Wochenzeitung „Die Zeit“ – mit rund 1,1 Millionen Euro auch finanziert hat, die das Ausmaß des Missbrauchs in ihren eigenen Reihen untersuchen sollte. Im September 2018 – mehr als acht Jahre nach Bekanntwerden der Vorkommnisse am Canisius-Kolleg – ist diese Studie veröffentlicht worden. Durchgeführt wurde sie von Wissenschaftlern der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen, die sich für diese Aufgabe zu einem Konsortium zusammenschlossen, das sich aus Psychiatern, Kriminologen, Soziologen und Psychologen zusammensetzt. Sieben Forscher, fünf wissenschaftliche Mitarbeiter und zahlreiche Hilfskräfte untersuchten insgesamt 38.000 Akten aus 27 deutschen Diözesen über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren. Die vorgelegten Ergebnisse umfassen über 350 Seiten. Aufgrund der Masse der gesammelten und ausgewerteten Daten geben sie einen aufschlussreichen, wenngleich – wie die Forscher selbst betonen – bei Weitem unvollständigen Überblick. Einige der reinen Zahlen, die die Wissenschaftler ermittelt haben:

  • Zwischen 1946 und 2014 soll es mindestens 3677 dokumentierte Fälle von sexuellen Übergriffen gegeben haben.
  • Der Täterkreis umfasst insgesamt 1670 Kleriker.
  • 4,4 % aller Kleriker sollen sich in dem Zeitraum an Kindern vergangen haben.
  • Die Opfer setzen sich überwiegend aus minderjährigen männlichen Jugendlichen zusammen. Mehr als die Hälfte der Opfer waren jünger als 14 Jahre.
  • 75 % der Opfer standen in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung mit ihren Tätern.
  • 969 Opfer (26,4 %) waren Ministranten.
  • In ca. jedem sechsten Fall soll es zu Formen der Vergewaltigung gekommen sein.
  • Bei 1023 Beschuldigten ist nur eine Tat bekannt, bei 96 allerdings mehr als hundert.

Die Dunkelziffer dürfte allerdings weitaus höher liegen, wie in der Studie betont wird. Grund dafür ist oft die Vernichtung oder zumindest Manipulation von Beweisen durch Kirchenverantwortliche. So sei rund die Hälfte der Fälle nur entdeckt worden, weil die Opfer Anträge auf Entschädigung gestellt hatten.

Versuch, Kontrolle zu behalten

Dass die Ermittlungen erst jetzt voranzukommen scheinen, liegt auch daran, dass ein erster Anlauf zu dieser Studie scheiterte, weil der damals mit dem Projekt beauftragte Kriminologe Christian Pfeiffer sich nicht in der Lage sah, die Untersuchung in angemessener Weise durchzuführen. Er trat schließlich zurück. Grund dafür war das Bestreben der Kirche, per Vertragsmodifikation Kontrolle über die Ergebnisse bzw. deren Veröffentlichung zu behalten. So soll es Versuche gegeben haben, die Veröffentlichung sogar ganz verbieten zu dürfen, sollten dafür „wichtige Gründe“ vorliegen – eine Definition, was ein solch wichtiger Grund sein könnte, wurde nicht gegeben. Kritik an den Umständen, unter denen die Studie zustande gekommen ist, regt sich auch jetzt, nicht zuletzt durch die Betroffenenorganisation „Eckiger Tisch“. Das wohl größte Problem bei der Methodik: Die Forscher konnten keine Originalakten einsehen. Sie hatten Fragebögen entworfen, in die Daten über die mutmaßlichen Opfer und Beschuldigten eingetragen und ausgewertet wurden sowie die jeweilige Reaktion der Kirche. Doch alle von den Diözesen zur Verfügung gestellten Materialien wurden ausschließlich von Angehörigen aus den Diözesen analysiert oder von Juristen, die von den Diözesen damit beauftragt wurden. Keine der rund 38.000 Akten wurde von einem unabhängigen Wissenschaftler gesichtet. Stattdessen hatten jene, die untersucht werden sollten, Handlungskontrolle über die Untersuchung.

Oft keine oder nur milde Sanktionen

Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass die Studie für die Aufarbeitung innerhalb der katholischen Kirche so oder so einen Meilenstein markiert, denn es ist das erste Mal, dass sich die Institution des Kindesmissbrauchs in ihren eigenen Reihen aktiv angenommen hat. Und abgesehen von den nackten Zahlen offenbaren sich darin viele grundlegende, strukturelle Probleme innerhalb der Kirche: Wenn Fälle von Missbrauch intern bekannt wurden, war die Reaktion in den meisten Fällen, dass der Beschuldigte an einen anderen Ort versetzt wurde – ohne jedoch die neue Gemeinde über die Vorkommnisse zu informieren. Überhaupt musste sich nur ein Drittel der Beschuldigten einem kirchenrechtlichen Verfahren stellen. Die Sanktionen waren, sofern es überhaupt welche gab, meist nur minimal. Grundsätzlich werden die Bemühungen offenkundig, die Vorfälle möglichst unter den Teppich zu kehren: Bei 1670 registrierten Beschuldigten wurde überhaupt nur gegen 566 ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. Bei 154 davon wurde keinerlei Strafe ausgesprochen, bei 103 Fällen gab es eine Ermahnung. Aus dem Klerikerstand entlassen wurden 41 Beschuldigte, exkommuniziert 88. Das sind insgesamt nur 7,8 Prozent der Beschuldigten. Von kirchlicher Seite wird gerne betont, dass diese Maßnahme – also die Entlassung aus dem Klerikerstand, wodurch der Geistliche zum „Laien“ wird – die höchste Bestrafung ist, die das kirchliche Strafrecht hergibt. Auch hierin wird die unterschiedliche Sichtweise von den Opfern auf der einen und der Kirche auf der anderen Seite deutlich: Aus Betroffenensicht kann es keine Gerechtigkeit darstellen, wenn ein Priester keine Messe mehr halten, aber ein Leben in Freiheit ohne weitere Folgen führen kann. Denn bezüglich zivilrechtlicher Konsequenzen hat sich die Kirche eine Hintertür offengelassen: Wenn die Opfer es nicht ausdrücklich wünschen, wird die Kirche keine Anzeige erstatten. So wurde abgesehen von den Sanktionierungen nach Kirchenrecht nur gegen 38 % der Beschuldigten Strafanzeige erstattet, zumeist von den Familien der Betroffenen, und nur in 122 Fällen (7,3 %) wurde die weltliche Justiz auf Initiative der Kirche hin eingeschaltet.

Mögliche Konsequenzen für die Ausbildung von Priestern

Die Studie aus dem September 2018 ist keine Aufarbeitung der Missbräuche. Sie ist ein Anfang und eine Basis, auf Grundlage derer man weitere Schritte einleiten muss. Denn 2010, das Jahr, in dem erstmals eine Aufklärungsarbeit in Deutschland begann, markiert nicht das Ende der Missbräuche. Auch danach wurden noch Erstbeschuldigungen registriert. Als Gründe für das Ausmaß des Skandals mutmaßen die Studienautoren, dass katholische Eigenheiten wie das Zölibat Faktoren sein können, die das Risiko für Missbrauch erhöhen. Auch die eng gefasste Sexualmoral in der katholischen Kirche wird hier genannt sowie die streng hierarchischen Gefüge, die Macht verleihen und zu Dominanz verführen. Jeder dieser Punkte für sich genommen führt nicht zu sexuellem Missbrauch, doch die Kombination steigert die Gefahr. Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, beteuert seinen Willen zur Besserung und sieht bei der Analyse der genannten Riskiofaktoren auch mögliche Konsequenzen für die künftige Auswahl und Ausbildung von Priestern. Bezeichnend ist, dass die Mehrzahl der 50 in der Studie interviewten Beschuldigten keine Reue zeigte und sie sich keiner persönlichen Schuld bewusst waren. Die Hälfte von ihnen bezeichneten die Missbrauchsituationen schlicht als „Prüfung Gottes“, welche sie nicht bestanden hätten.

Langfristig nicht folgenlos

Auf lange Sicht hin werden die Skandale der vergangenen Jahre, sei es in Deutschland, Europa, Australien, den USA oder dem Rest der Welt, nicht ohne unmittelbare Konsequenzen für die Kirche bleiben. Lag zum Beispiel die Zahl der katholischen Kirchenaustritte in Deutschland in den Jahren 2004 bis 2009 stets knapp ober- oder unterhalb der Zahl von 100.000 Personen pro Jahr, sprang sie im Jahr 2010, also nach Bekanntwerden der Geschehnisse im Canisius-Kolleg, auf 180.000 an. Ein weiterer Höchststand an abgewanderten Gläubigen (217.000) markierte das Jahr 2014  – ein Jahr, in dem die Lage in der deutschen Öffentlichkeit relativ ruhig war. Hier wird jedoch sicher auch eine Rolle gespielt haben, dass sich zu jener Zeit bereits die katholische Kirche auf internationaler Ebene alles andere als mit Ruhm bekleckert hat, wenn es um den internen Umgang mit und die Aufarbeitung von Missbrauch ging. Dass die – noch nicht veröffentlichten – Zahlen für 2018 den Trend umkehren, darf in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen bezweifelt werden.

Im August 2018 wandte sich Papst Franziskus in einem Brief an alle Christen und bat um Vergebung für das Versagen der Kirche im Umgang mit Missbrauch an Kindern und anderen Schutzbedürftigen. Doch mittlerweile steht auch der Papst selbst in der Kritik: Seine Linie gegen Täter und Vertuscher wird als zu inkonsequent und oft zu weich beklagt. So wird ihm u.a. vorgeworfen, Sanktionen gegen den ehemaligen US-amerikanischen Kardinal Theodore McCarrick sogar rückgängig gemacht zu haben. Dabei, so wird zumindest spekuliert, ging es auch um kirchenpolitische Interessen: McCarrick soll Franziskus bei der Papstwahl sehr befürwortet und unterstützt haben. Sollte dies tatsächlich der Grund gewesen sein, so milde gegenüber dem Kardinal zu walten, würde es schwer auf Franziskus lasten. Wäre es doch ein Zeichen für die moralische Erpressbarkeit des Papstes. Bereits im April musste der Pontifex zudem öffentlich zugeben, dass er im Umgang mit dem chilenischen Bischof Juan Barros „schwere Fehler“ begangen habe, als er diesen kurz zuvor noch verteidigte und schwerwiegende Anschuldigungen gegen ihn „verleumderisch“ nannte. Anstatt Barros kirchenrechtlich verfolgen zu lassen, gestattete er ihm, selbst zurückzutreten. Franziskus, der selbst aus Argentinien stammt, weiß um die Stellung der Kirche in Südamerika, die dort oft noch eine größere Macht hat und mehr politische Einflussnahme besitzt als dies beispielsweise in den meisten europäischen Ländern der Fall ist. Die Sorge um die Schwächung dieser Stellung darf jedoch nicht über der Sorge um das Schicksal von Missbrauchsopfern stehen.

Das Verhalten nicht zuletzt des Obersten der katholischen Kirche selbst vergrößert die Krise innerhalb der Kirche nur noch weiter. Für Februar 2019 hat Franziskus nun ein Treffen anberaumt, bei dem über mögliche Reformen diskutiert werden soll. Zum Beispiel hinsichtlich eines Dekrets aus dem Jahr 1922, das Bischöfen noch immer vorschreibt, Straftaten wie Kindesmissbrauch nicht bei den Zivilbehörden anzuzeigen – ausgenommen, sie befinden sich innerhalb eines Rechtssystems, in dem eine Meldepflicht besteht. Dass man sich fast 100 Jahre später immer noch auf dieses Dekret beruft, verdeutlicht die ganze Misere um die Rückständigkeit und verkrusteten Regeln der Kirche. Wohl noch nie wären Reformen dringlicher angebracht als im Moment, um die Reputation der Kirche zu retten und nicht gänzlich an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

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