Johannes Paul II: Der Papst als Medienstar

Dieser Text ist in DIALOG – Deutsch-Polnisches Magazin Nr. 124 erschienen.

Als Karol Wojtyła Papst Johannes Paul II. wurde, begann auch medial eine neue Zeitrechnung in der katholischen Kirche. In den 26 Jahren seines Pontifikats öffnete Johannes Paul II. sich und sein Amt in einer Art der Öffentlichkeit und den Medien, die zu Zeiten seiner Vorgänger undenkbar schien. Heute ist der Papst medial omnipräsent – umso bedeutsamer wird seine Außendarstellung.

Ende des vergangenen Jahres erschien ein neues Buch, dessen Titel mich stutzig machte: „Popestar“ stand in großen Buchstaben auf dem Cover. Ein flapsiges Wortspiel, eine Anspielung auf den Begriff „Popstar“, das nicht neu ist, mich als Titel einer seriösen, mehr als zwei Dutzend Beiträge umfassenden Abhandlung über den Papst, seine Darstellung in und sein Verhältnis zu den Medien aber doch verwunderte. Als Popstars werden Menschen wie Justin Bieber, Helene Fischer oder Monika Brodka bezeichnet, Künstler also, die in der Öffentlichkeit stehen, die die Öffentlichkeit suchen und sich dort präsentieren. Die diese Präsentation in der Öffentlichkeit auch brauchen, da sie damit ihre Popularität steigern und letztlich mehr Alben verkaufen können. Der Papst verkauft keine Musikalben, allenfalls eine Botschaft. Ist das titelgebende Wortspiel also gänzlich unpassend? Das Internet-Lexikon Wikipedia definiert den Begriff „Star“ als „eine prominente Persönlichkeit mit überragenden Leistungen auf einem bestimmten Gebiet und einer herausgehobenen medialen Präsenz“. Die mannigfaltige mediale Präsenz des Papstes ist unbestritten, ebenso seine Prominenz und seine Leistungen. Betrachtet man sich im Fernsehen die Nachrichtenbilder des Papstes – etwa von der Reise Johannes Paul II. auf die Philippinen 1995, bei der ihm 5 Millionen Menschen zujubelten, des Auftritts Benedikts beim Weltjugendtag in Köln 2005 oder der Reisen von Franziskus in seine südamerikanische Heimat und wie die Menschen ihn dort empfangen, so ist in der Tat kaum ein Unterschied zu der Art festzustellen, mit der junge Mädchen einer aktuell angesagten Band zujubeln. Die Figur des Papstes ist in den vergangenen 35 Jahren zu einem Medienstar aufgestiegen, es gibt nur wenige Menschen auf der Welt, die häufiger fotografiert werden als der Papst und über die mehr berichtet wird. Je länger ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir dieses Wortspiel, denn umso treffender fand ich es.

Johannes Paul II. – ein neues Verhältnis zu den Medien

Wer, so wie ich, Mitte der 1970er Jahre geboren wurde, hat seine Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenenjahre mit nur einem Papst verbracht: Johannes Paul II. All meine Vorstellungen vom Vatikan, der Person und dem Auftreten des Papstes waren untrennbar mit ihm verbunden. Auch heute, da wir mit Benedikt XVI. und Franziskus zwei weitere Päpste erlebt haben bzw. erleben, sind es vor allem die Bilder Johannes Paul II., die uns im Gedächtnis präsent sind. Mit ihm änderte sich das Verhältnis des Vatikans und des Papstes zu den Medien von Grund auf. Der 2015 verstorbene Priester und Professor für Medien und Kommunikation Andrzej Baczyński, dessen Text für „Popestar“ ins Deutsche übersetzt wurde, bringt die Entwicklung auf den Punkt: „Während sich seine Vorgänger die Presse und später das Radio zunutze gemacht hatten, schenkte Johannes Paul II. seine Aufmerksamkeit vor allem dem Fernsehen. Dabei war er fest davon überzeugt, dass die zeitgenössische Kirche das ‚Bild’ braucht.“[1] Johannes Paul II. hatte die Wirkungskraft visueller Medien früh erkannt: Seine Pilgerreise nach Polen 1979 wurde nicht zuletzt durch die mediale Begleitung zu einer triumphalen Rückkehr in seine Heimat. Sie hatte für die spätere soziale Entwicklung eine symbolische Ausstrahlungskraft, die der Papst selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht beabsichtigte. Doch er zog seine Lehren daraus und wusste sich und seine Botschaft in den folgenden Jahren geschickt über die visuellen Medien zu steuern und zu transportieren. Er war um gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Journalisten stets bemüht, jedoch nicht, wie Andrzej Baczyński ausführt, um sich ihnen anzubiedern, sondern aus seinen persönlichen Erfahrungen in einem politischen System heraus, das freie Meinungsäußerung unterdrückte: Die Medien waren für Johannes Paul II. elementarer Bestandteil einer freien Welt. Umgekehrt nahmen die Journalisten das Angebot dankbar an, hatte sich der Vatikan in seiner Außendarstellung bis dahin doch eher distanziert und verschlossen gezeigt.

Öffentliches Leiden als Teil der Botschaft

Die Beispiele, bei denen Johannes Paul II. sich an die Öffentlichkeit richtete und damit Wege beschritt, die für einen Papst bis dato gänzlich ungewöhnlich und neu waren, sind zahlreich. So verkündete er etwa im Sommer 1992 den Gläubigen auf dem Petersplatz im Anschluss an das Angelusgebet, dass er sich für Untersuchungen in eine Klinik begeben werde. „Betet für mich, damit Gott bei mir ist und mir hilft.“ Einige Tage später wurden ihm die Galle und ein Tumor im Dickdarm entfernt. Dass ein Papst die Menschen derart offen an seiner persönlichen Befindlichkeit teilhaben ließ, hatte es zuvor noch nicht gegeben. Es verwundert daher nicht, dass Johannes Paul II. selbst in seinen letzten Jahren und Monaten – krank, schwach und gebrechlich, wie er zu dieser Zeit war – noch immer sehr darauf bedacht war, wie er in der Öffentlichkeit auftrat und welche Bilder er damit in die Welt sendete. Auch schwerkrank begab er sich weiterhin auf strapaziöse Reisen, schonte sich nicht und erlaubte sich keine Erholung. Sein Leiden war Teil seiner Botschaft „Habt keine Angst davor“, seine letzten Worte an die Gläubigen waren: „Ich bin froh – seid ihr es auch“.

Das Konklave als mediales Großereignis

Nach dem Tod Johannes Paul II. war die Wahl des neuen Papstes ein Medienereignis, wie es nicht viele gegeben hat. Alle großen Sender in Deutschland übertrugen live vom Petersplatz, teilweise über Stunden. Ich erinnere mich an das Bild des Schornsteins, der minutenlang gezeigt wurde, während die Reporter erklärten, dass aus ihm weißer Rauch aufsteigen werde, zum Zeichen, dass die katholische Kirche einen neuen Pontifex hat. Ich erinnere mich, wie aus diesem Schornstein einfach kein Rauch aufsteigen wollte, wie es immer später wurde, ohne dass die Menschenmenge auf dem Platz ihre Geduld verlor. Dann endlich war da der Rauch. Aber war er weiß, oder doch eher grau? Irgendein sogenannter „Vatikan-Experte“ erklärte den Fernsehzuschauern, dass ein bestimmtes Pulver auf eine bestimmte Art und Weise dem Kaminfeuer beigemischt werden muss, damit der Rauch die weiße Farbe annimmt. Und er meinte, dass wahrscheinlich keiner der Kardinäle wüsste, wie genau dies zu bewerkstelligen sei, da die letzte Papstwahl schließlich 37 Jahre zurücklag.

Natürlich erinnere ich mich auch an das Bild des gerade gewählten Papst Benedikt XVI., wie er auf den Balkon tritt, freudestrahlend, der Menge zujubelnd. Und wie ich mir dachte, wie seltsam weich dieser Mann plötzlich wirkt, der als Kardinal Ratzinger doch für eine sehr harte, konservative Linie stand. Und ich erinnere mich an den nächsten Morgen, als eben dieses Bild Benedikts auf dem Balkon die Titelseite der BILD-Zeitung prägte, überlegt mit der in riesigen Buchstaben gehaltenen Überschrift „Wir sind Papst“. Damals fand ich diese Schlagzeile sehr fragwürdig. In ihr schwang eine Art Stolz, den ich als unangebracht empfand, da „wir“ ja keine Leistung erbracht hatten. Eine einzelne Person wurde gewählt, „wir“ im Sinne von „die Deutschen“ haben damit nichts zu tun. Dass die BILD, diese populistischste aller deutschen Tageszeitungen, in dieser Art damit aufmachte, empfand ich als anmaßend. Mittlerweile habe ich meine Meinung etwas revidiert. In der Schlagzeile lagen gleichermaßen Stolz wie Erstaunen und sicher auch eine Neugier, wie dieser neue Papst das Bild des Pontifex verändern und entwickeln würde.

Der Papst im 21. Jahrhundert

Das Verhältnis Benedikts XVI. zu den Medien war weit weniger eng als das seines Vorgängers. Wenngleich er viele Jahre zum engsten Zirkel Johannes Paul II. gehörte, schien ihm das Bewusstsein für starke, aussagekräftige und symbolische Bilder zu fehlen. Der Berliner Religionssoziologe Prof. Hubert Knoblauch deutet die Folge dieses fehlenden Bewusstseins in „Popestar“ an: Waren die Menschen bei Johannes Paul II. vom Charisma der Person fasziniert, so war es bei Benedikt eher das Charisma des Amtes, das sie begeisterte.[2] Seit Franziskus dieses höchste Amt der katholischen Kirche innehat, ist wieder eine stärkere Betonung auf symbolhafte Gesten zu beobachten und eine bewusstere (Selbst)Inszenierung. Franziskus betonte schon bei seiner Amtseinführung, ein Papst für die Armen sein zu wollen. Dementsprechend bescheiden tritt er auf: Er trägt einfache Straßenschuhe, trägt seine Aktentasche selbst und umarmt ungezwungen Arme und Kranke. Im Zeitalter digitaler Medien, in dem Facebook, Twitter und Instagram eine immer größere soziale Bedeutung einnehmen, werden die symbolhaften Bilder, die Franziskus so produziert, rasend schnell verbreitet. Franziskus scheint dabei in der Tradition Johannes Paul II. verstanden zu haben: Der Papst im 21. Jahrhundert ist immer auch ein PR-Manager in eigener Sache.

 

Klimczak, Peter; Petersen, Christer
Popestar. Der Papst und die Medien
Mit Beiträgen u.a. von Andrzej Baczyński, Stanisław Kardinal Dziwisz, Lech Wałęsa, Adam Michnik
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2017

 

 

 

[1] Baczyński, A.: „Gesegnet sei das Fernsehen!“ Johannes Paul II. und die Medien, S. 111
[2] Knoblauch, Hubert: Benedikt in Berlin: Über die Mediatisierung der Religion, S. 189

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